Die Abseitsregel

Verteidigen oder nicht Verteidigen !

10. Oktober 2021. Finale der Nations-League. Frankreich gegen Spanien im Mailänder Guiseppe-Meazza-Stadion. Die 80. Minute ist angebrochen, es steht 1:1. Ein schneller Angriff der Franzosen mit einem Steilpass auf den im Abseits stehenden Stürmer MBappé. Ein spanischer Verteidiger, Eric García, versucht mit einer Grätsche den Ball abzufangen, kann ihn aber nur noch leicht berühren. Die Richtung des Balles verändert sich nur unmerklich (der Kommentator im Fernsehen hatte die Berührung noch nicht einmal wahrgenommen). MBappé kann den Ball annehmen, läuft noch ein paar Schritte in Richtung Tor und schiebt das Leder am Torhüter vorbei zum entscheidenden 2:1.

Ein korrekt erzielter Treffer? Ja! MBappé hatte seine Abseitsstellung weder durch ein aktives Eingreifen aufgehoben noch handelte es sich bei der Aktion des spanischen Verteidigers um eine Torverhinderungsaktion. Wäre der Spanier angeschossen worden und der Ball von ihm zum im Abseits stehenden MBappé geprallt, wäre die Abseitsstellung nicht aufgehoben worden. Da er aber aktiv zu Ball ging, d.h. den Ball absichtlich spielte, entstand den Regeln zufolge eine neue Spielsituation. In dieser kam der Ball dann vom Gegner zum im Abseits stehenden Spieler und die strafbare Abseitsstellung war somit aufgehoben.

Eine den Regeln entsprechende Entscheidung also. Knackpunkt ist folgender Passus in der Abseitsregel: »Ein Spieler verschafft sich keinen Vorteil aus seiner Abseitsstellung, wenn er den Ball von einem gegnerischen Spieler erhält, der den Ball absichtlich spielt«. Spielen wird im Regelwerk als »Handlung, bei der ein Spieler Ballkontakt hat« definiert. In anderen Worten: sobald ein verteidigender Spieler absichtlich den Ball berührt, kann er dadurch eine strafbare Abseitsstellung aufheben. Dies ist für alle Beteiligten einfach zu verstehen und für die Schiedsrichter leicht umzusetzen. Der Passus folgt damit anscheinend einem Trend im Regelwerk: mehr Gerechtigkeit durch einfachere, eindeutigere Regeln sowie den Einsatz von Technik.

Bleibt die Frage: Handelt es sich um eine gute, um eine gerechte Regel? Eine Regel im Sinne des Spiels? Ich meine Nein! Der Verteidiger wird für ein Handeln bestraft, das eigentlich keine Regelwidrigkeit darstellt und das im Grunde seiner hauptsächliche Aufgabe entspricht: zu verteidigen. Deutlich wird dies, wenn man sich vor Augen führt, dass das Regelwerk hier eine verhängnisvolle Parallele zum Handspiel zieht:

  • Die Hand geht zum Ball ⇒ absichtliches Spielen des Balles mit der Hand ⇒ der Spieler wird bestraft (Freistoß oder Strafstoß).
  • Der Fuß geht zum Ball ⇒ absichtliches Spielen des Balles mit dem Fuß ⇒ der Spieler wird bestraft (Abseits wird aufgehoben).

Das Problem: Im ersten Fall ist die Tat, das Handspiel, regelwidrig (und wird zu Recht bestraft), im zweiten Fall aber eben nicht. Der Spieler wird also für etwas bestraft, was eigentlich gar keine Strafe verdient.

Es gibt noch einen weiteren, ähnlich gelagerten Fall: Ein Spieler versucht einen Steilpass auf einen im Abseits stehenden Spieler mit der Hand aufzuhalten. Er berührt den Ball zwar mit der Hand, kann das Zuspiel aber nicht verhindern. Auch in diesem Fall ist das strafbare Abseits aufgehoben. Der oben dargestellten Logik folgend allerdings zu Recht, da ja das Handspiel eine Regelwidrigkeit darstellt.

Paradox wird es, wenn man die Rückpassregel vergleichend hinzuzieht: Bei dieser wird ein unbeabsichtigtes Zurückspielen zum Torhüter eben nicht mit einem indirekten Freistoß für den Gegner bestraft.

Vor einigen Jahren wurde noch unterschieden: Hat der verteidigende Spieler den Ball kontrolliert spielen können, dann wurde das Abseits aufgehoben. Hat er den Ball unkontrolliert gespielt, wie im oben geschilderten Fall, dann wurde die strafbare Abseitsstellung nicht aufgehoben. Eine vernünftige Vorgehensweise. Es ergaben sich zwar vereinzelt Situationen, die nicht immer eindeutig zu beurteilen waren. Die aktuelle Abseitsregel hat diese Grauzone beseitigt. Aber ich bin der Ansicht, dass die frühere Vorgehensweise dem Charakter des Fußballspiels eher gerecht wird.

Vor einem halben Jahr wurde im italienischen Fernsehen eine Szene heftig diskutiert, die sich in der italienischen Serie A abspielte und die der im Spiel Frankreich gegen Spanien sehr ähnlich war. Auch hier wurde eine Abseitsstellung eines Stürmers durch eine absichtliche Ballberührung eines Verteidigers aufgehoben. Auch hier war ein Tor das Resultat. Marco Tardelli, Weltmeister von 1982, regte sich im Studio fürchterlich über den oben beschriebenen Passus der Abseitsregel auf. Und die übrigen Experten? Acht oder neun an der Zahl. Haben ihm ausnahmslos zugestimmt. Sogar der Vertreter der Schiedsrichter!

Bleibt nur zu hoffen, dass die FIFA ein Einsehen hat und die bestehende Abseitsregel noch einmal überdenkt. Verteidiger sind keine Schiedsrichter. Sie sollten keine Entscheidungen über Vorgänge fällen müssen, die sich häufig in ihrem Rücken abspielen (die Schiedsrichter haben im Gegensatz dazu das gesamte Spielgeschehen vor sich). Sie sollten auch nicht die Bürde der Verantwortung für etwas tragen, für das sie nicht verantwortlich sind. Die FIFA sollte doch die Verteidiger einfach das machen lassen, was Ihrer Aufgabe entspricht und was sie am besten können: Verteidigen!