Regeltest – Storys

Das gab’s noch nie:

Ein Baum schießt ein Tor !

Böse Zungen behaupten schon ‘mal, der Schiedsrichter sei der zwölfte Spieler einer Mannschaft gewesen. Dass aber ein ausgewachsener Baum zum zwölften Spieler wird und ein Tor gegen seine »Heimmannschaft« erzielte, dürfte wohl einmalig sein.

In Visquard, einem idyllischen Warfendorf in Ostfriesland, passierte es vor geraumer Zeit: Der Ball prallte nach einer Flanke des Außenstürmers gegen den Ast eines ins Spielfeld ragenden Baumes und von dort zur Überraschung des verdutzten Torhüters direkt ins Tor. Da keine lebendige Kreatur – Hund, Platzordner oder Zuschauer – unbefugt in das Spiel eingegriffen hatte, erkannte der Spielleiter den Treffer an.

Zu Recht? – Darüber diskutierte man lange Zeit im Nordwesten Niedersachsens!

Lösung

Lösung

So war die Regelauslegung früher: Die Umweltschützer haben bisher nicht durchsetzen können, dass Bäume zum Platzaufbau eines Fußballfeldes zählen. Der Schiedsrichter hätte das Spiel deshalb nach dem Kontakt des Balles mit dem Baum unterbrechen und mit einem Schiedsrichterball fortsetzen müssen. Das Tor durfte also nicht anerkannt werden.

Die oben präsentierte Lösung ist heute nicht mehr gültig. Für die Bäume wären heute nicht mehr die Umweltschützer zuständig, sondern die UNO-Menschenrechtskommission. Warum? Sie gehören neben Personen, die weder Spieloffizielle noch auf der Teamliste stehen, also Zuschauer zum Beispiel, zu den sogenannten Drittpersonen. Wie übrigens auch Tiere, Gegenstände und Konstruktionen. Der Treffer wäre heute gültig, es sei denn der Baum hätte den Torwart oder einen Verteidiger beim Abwehren des Ball behindert ...

Ob der Platzverein ihrem unzuverlässigen Abwehrspieler inzwischen die »Flügel gestutzt« hat, ist nicht bekannt.

Anmerkung

Im August 2025 machte mich der Norder Schiedsrichter Jan-Berndt Swyter darauf aufmerksam, dass er und seine Norder Kollegen, im Gegensatz zu der oben präsentierten Lösung, der Meinung seien, dass das Tor aberkannt und das Spiel mit einem Schiedsrichterball fortgesetzt werden müsse.

Ein Blick in das Regelwerk (Regel 5 - Schiedsrichter (»Eingriffe von außen«), scheint allerdings die oben aufgeführte Lösung zu bestätigen:

Der Schiedsrichter unterbricht das Spiel wegen eines Vergehens oder eines Eingriffs von außen, setzt es aus oder bricht es ab, wenn z. B.: bei laufendem Spiel ein zweiter Ball, ein anderes Objekt oder ein Tier aufs Spielfeld gelangt. In diesem Fall muss der Schiedsrichter: das Spiel nur unterbrechen und mit einem Schiedsrichterball fortsetzen, wenn das Spielgeschehen gestört wurde. Wenn der Ball ins Tor geht und kein Spieler des verteidigenden Teams aufgrund des Eingriffs am Spielen des Balls gehindert wurde, zählt der Treffer, selbst wenn es zu einem Kontakt mit dem Ball gekommen ist, es sei denn, der Eingriff erfolgte durch das angreifende Team, …

Nichtsdestotrotz scheint es zugegebenermaßen unlogisch, dass ein folgenloser Kontakt des Balles durch einen ins Spielfeld ragenden Ast mit einer Spielunterbrechung und einem Schiedsrichterball geahndet werden soll, während das Spiel ohne Unterbrechung fortgesetzt werden soll, falls der Ball ins Tor gelenkt wird.

Häufig hilft im Fall von merkwürdig erscheinenden Regeln ein Blick in die englische Originalversion. Dies ist auch hier der Fall: Aus dem englischen »unless the ball is going into the goal« wurde in der deutschen Übersetzung »Wenn der Ball ins Tor geht«. Korrekt wären Übersetzungen im Sinne von »wenn der Ball gerade dabei ist, ins Tor zu gehen« oder »wenn der Ball sich auf dem Weg ins Tor befindet« etc.

Besser machen es die Spanier (»excepto si el balón fuera a entrar en la portería«), die Italiener (»tranne che il pallone stia entrando in porta«) oder die Franzosen (»sauf si le ballon se dirige vers le but«). Hier werden die englische Fassung korrekt wiedergegeben. Zugleich stützen diese Beispiele die Annahme, dass es sich bei der deutschen Version um eine ungenaue Übersetzung handelt.

In Zukunft wird man also im Nordwesten Deutschlands nicht mehr diskutieren müssen, sondern - wie es wohl eh schon gang und gäbe ist - das Spiel in einer der oben geschilderten Szene vergleichbaren Situation unterbrechen und es mit einem Schiedsrichterball fortsetzen.

(P.S.: Ein kleiner Trost bleibt allerdings. Ich sage nur so viel: Die deutsche Version der Fußballregeln folgt der schweizerischen Rechtsschreibung … )