»I'm a German record player«

»I think we have a grandios Saison gespielt.« lautet die Antwort von Dortmunds Meister-Torwart Roman Weidenfeller auf die Frage eines Reporters von Dubai Sports zur deutschen Meisterschaft. Nicht weniger selbstbewusst gab sich schon vor einigen Jahren Lothar Matthäus anlässlich einer Pressekonferenz zu seinem Antritt bei den New York Metro Stars: »I look not back, I look in front.« Und warum auch sollte Matthäus sein Licht unter den Scheffel stellen, schließlich behauptet er ja von sich selbst »I'm a German record player«.

So lustig die Beispiele auch sein mögen, sie zeigen doch auch, dass man die englische Sprache nicht beherrschen muss, um ein hervorragender Fußballer zu sein. Ganz anders sieht hingegen die Situation überraschenderweise für die Schiedsrichter aus. Warum das so ist, soll folgende Regelfrage verdeutlichen:

Durch ein gefährliches Spiel verhindert ein Abwehrspieler eine sichere Torchance der angreifenden Mannschaft. Der Schiedsrichter unterbricht das Spiel und verhängt einen indirekten Freistoß. Jetzt stellt sich dem Schiedsrichter die Frage, ob auch bei Regelverstößen, die nur einen indirekten Freistoß erfordern, die rote Karte wegen Torraubs gezeigt werden muss.

Lösung

Lösung

In der »Regel 12 - Fouls und unsportliches Betragen« findet man unter »Auslegung der Spielregeln und Richtlinien der FIFA für Schiedsrichter« und dort unter »Verhindern eines Tors oder Vereiteln einer Torchance« folgenden Anweisung:

Die Schiedsrichter sind angewiesen, beim Entscheid über einen Feldverweis für das Verhindern eines Tors oder das Vereiteln einer Torchance folgende Aspekte zu berücksichtigen:

  • Distanz zwischen Vergehen und Tor
  • Wahrscheinlichkeit, dass das angreifende Team in Ballbesitz bleibt oder kommt
  • Richtung des Spiels
  • Position und Anzahl verteidigender Spieler
  • Art des Vergehens, durch das eine klare Torchance vereitelt wird, da dieses mit einem direkten oder indirekten Freistoß geahndet werden kann.

Entscheidend ist im vorliegenden Fall natürlich der 5. Punkt.

Und? Wissen Sie nun, ob Sie die Frage richtig oder falsch beantwortet haben?

Lösung (forts.)

Lösung (forts.)

Die Anweisung im Regelheft spricht eher dafür, den Übeltäter nach einem indirekten Freistoß wegen Torraubs mit einer Verwarnung zu bestrafen.

In dieser kniffligen Situation weiß der findige Schiedsrichter natürlich Rat und wirft einen Blick in die »FIFA - Laws of the Game«. Dort findet er unter »Interpretation of the Laws of the Game and Guidelines for Referees« das Kapitel »LAW 12 – FOULS AND MISCONDUCT« und dort unter der Überschrift »Denying a goal or an obvious goalscoring opportunity« folgende Anweisung:

Referees should consider the following circumstances when deciding whether to send off a player for denying a goal or an obvious goalscoring opportunity:

  • the distance between the offence and the goal
  • the likelihood of keeping or gaining control of the ball
  • the direction of the play
  • the location and number of defenders
  • the offence which denies an opponent an obvious goalscoring opportunity may be an offence that incurs a direct free kick or an indirect free kick

Die entscheidenden Passagen sind blau markiert. Man kann diesen Text folgendermaßen übersetzen:

Die Schiedsrichter sind angewiesen, beim Entscheid über einen Feldverweis für das Verhindern eines Tores oder das Vereiteln einer Torchance folgende Aspekte zu berücksichtigen:

  • das Vergehen, durch das eine klare Torchance vereitelt wird, kann ein Vergehen sein, dass einen direkten oder indirekten Freistoß nach sich zieht. (Übersetzung: R. Voss)

Der Regeltext im englischen Original bestätigt dabei eine Regelauslegung des DFB, die seinerzeit bei Einführung der neuen »Torraub-Regel« gegeben wurde: Damals wurde mit dem Begriff »Freistoß« im Zusammenhang mit einem »Torraub« bewusst nicht zwischen einem direkten und indirekten Freistoß unterschieden.

Auf alle Fälle zeigt der Blick in die »FIFA - Laws of the Game«: Auch bei Vergehen, die einen indirekten Freistoß nach sich ziehen, ist bei einem Torraub die rote Karte angebracht.

Damit wäre also hoffentlich der Beweis angetreten, dass gute Englischkenntnisse für die Schiedsrichter nicht zu unterschätzende Vorteile bieten. Es lohnt sich also auch hier zu pauken, pauken, pauken ...

Dass da natürlich auch die Fußballer nicht zurückstehen möchten, dafür bietet nun wieder Lothar Matthäus ein hervorragendes Beispiel: »Ich bin sicher, dass ich in vier oder sechs Wochen Interviews auf Englisch geben kann, die auch der Deutsche verstehen wird«.